|
Trotz des Namens, den die
Seidenstraße heute trägt, hat sie nicht nur aus
einer Straße bestanden, sondern verband Straßen
verschiedener Routen miteinander, deren Netzwerk sich in allen
Richtungen über ganz Zentralasien erstreckte von Osten nach
Westen, und von Norden nach Süden. Auch wenn es manche
beachtenswerte Ausnahmen gab, haben sehr wenige Leute die ganze
Seidenstraße im vollen Umfang durchreist, wie Marco Polo es
in seinen Memoiren beschrieben hat. Viele haben nur einen Abschnitt der
Strecke durchquert. Sie kannten die Routen, auf denen man Wasser finden
konnte, Übernachtungsmöglichkeiten, usw. Der Weg war
schwer und gefährlich und Ortskenntnisse daher lebenswichtig.
Es war jedoch nicht nur Seide, die über
die Straße transportiert wurde. Mit hochwertigen Handelswaren
aller Art wie z.B. Gewürze, Schmuck, Porzellan,
Pelze, Schmucksteine und andere exotische Handelswaren wurde auch
gehandelt. Die Händler, die durch die Seidenstraße
reisten, nahmen nicht nur ihre Handelswaren mit, sondern auch ihre
Kultur, Kunst, Philosophie und ihren Glauben. Religionen wie
Buddhismus, Zoroastrismus, Konfuzianismus, Christentum und Islam wurden
so über die Seidenstraße weitergetragen und
verbreitet. Die Seidenstraße wurde auch "Straße der
Ideen" genannt. Viele Gläubige dieser verschiedenen Religionen
haben ihre Heimat im heutigen Kirgisien gefunden.
Wie heute auch wurden die Grenzen zu Zeiten der
Großen Seidenstraße sorgfältig
überwacht. Das Ein-oder Ausführen bestimmter Waren
aus dem chinesischen Reich war illegal, wie z.B. Seidenraupen oder
Säbel. Der Export von Rhabarber wurde ebenfalls streng
kontrolliert. Nachdem die Händler ihre Handelswaren durch das
so genannte Zollamt verzollt hatten, durften sie weiter zu den
Märkten, auf denen sie ihre Waren verkaufen konnten. So wurden
Waren gehandelt und gleichzeitig Ideen in den verschiedenen
Städten ausgetauscht, die so exotische Namen wie Antiochia,
Babylon, Erzenum, Harnadan, Buchara, Samarkand, Kaschgar und Xian
trugen und in den vielen anderen Städten, die schon
lange nicht mehr existieren (wie Nevkat, Suyab, Balasugin und Jul),
oder deren Namen wir nicht mehr wissen.
Eine Karawane konnte im Durchschnitt circa 25 km
pro Tag ziehen. Wenn der Weg es erlaubte, konnten sie auch weiter
gehen, wo das Gelände aber schwer und unpassierbar war, musste
sie Halt machen. An vielen Orten, an denen es gute Bedingungen gab,
entstanden so Siedlungen, in denen die Reisenden übernachten
konnten. Im Tschui Tal z.B. gab es drei große, einst
erfolgreiche und mächtige Städte: Balasugin, Suyab
und Nevkat, die in der Nähe des kirgisischen Gebirges dicht
beieinander lagen. Nun sind nur der Burana Turm, einige
archäologischen Überbleibsel und Erdwerke alles, was
davon noch erhalten ist, wo früher die Städte waren.
(Nevkat war ehemals so groß wie Rom zur gleichen Zeit)
Das Gebirge war ein großes Hindernis,
das die Händler überwinden mussten, um ihre
Handelswaren zu den nächsten Märkten zu bringen.
Nachdem die Reisenden schon Ebenen und Wüsten durchquert
hatten, die sich von Osten nach Westen ausstrecken, kamen nun ein paar
der höchsten Berge der Welt, die fast die Fläche
eines halben Kontinentes einnahmen. Das war eines der Hindernisse, die
die Händler überwinden mussten, um zu den neuen
Märkten zu gelangen.
Es gab mehrere Strecken über die Berge,
durch Tunnel wie Bedel, Torugart, Terek und Irkeschtam (heute sind nur
zwei davon für den grenzübergreifenden Verkehr offen:
Torugart und Irkeschtam). Die Expedition eines chinesischen Forschers,
der auf der Suche nach buddhistischen Manuskripten war, hatte den Bedel
Pass überquert und sich in Barskoon an der Küste des
Issik-Kuls aufgehalten, um sich vor dem weiteren Weg nach Tokmok und
noch weiter nach Taschkent zu erholen. Die Überquerung des
Bedel Passes war eine traumatische Erfahrung für die
Gruppe… Der heftige Schnee hatte ihre Abreise aus Ak Suu in
China verspäten lassen, was noch nicht so schlimm war wie das,
was sie auf ihrem weiteren Weg erwartete - auf der weiteren
Strecke von 40 Meilen (circa 65 km) verlor die Expedition ein Drittel
ihrer Teilnehmer und Tiere.
Die Wege waren steil und schwer. Es gab kaum
Ansiedlungen, die den Reisenden hätten behilflich sein
können. Es konnten mehrere Tage vergehen, bis die Reisenden
eine Siedlung erreichten. Bemüht, einen angemessen Schritt zu
wahren, schlugen sie an den Plätzen ihr Lager auf, die die
geeignetesten Bedingungen dafür besaßen. Auf diese
Weise entstanden die Karawanserai, eine Art Gasthaus, das
Übernachtung, Essen, Wasser und Schutz vor schlechter
Witterung und Räubern anbot. Wie in Tasch Rabat. Die Zeit
vergeht und mit ihr gibt es immer weniger der einstmals wichtigen
Siedlungen der Großen Seidenstraße. Heute stehen an
diesen Orten moderne Städte wie Bischkek, Osch, Dschalalabad
oder kleine Dörfer wie Krasnaja Retschka, an anderen Stellen
ist überhaupt nichts mehr außer einigen
archäologischen Ausgrabungen zu finden. Vieles jedoch ist in
Kirgisien wie zu Zeiten der Großen Seidenstraße
geblieben. Asphaltstraßen und Autos konnten die Lasttiere nur
auf den engen Bergwegen ersetzen. In den dünner besiedelten
Landstrichen kann man jedoch immer noch einzelne Gruppen von Jurten
finden, wo sich die Schäfer noch um ihren Viehbestand auf den
Wiesen in den hohen Bergen kümmern. Man kann dort innerhalb
von 24 Stunden alle vier Jahreszeiten erleben.

|