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Seit jeher halten die Kirgisen
Erzählungen in Ehren. Die Volkskunst wurde von Ayil zu Ayil
(von einem Dorf zum anderem) weiter gereicht, von Bizoj zu Bozoj (von
einer Jurte zur anderen). Die Erzähler wurden geachtet und
manchmal nannte man sie „menschliche Nachtigal”
oder Jomokchu und sie waren immer willkommene Gäste in jedem
Haus. Man nannte sie Akyne und eines der Geschicke der Akynen war es
Gedichte vorzutragen, ähnlich den Minnensängern im
mittelalterlichen Europa. Manchmal fanden Wettbewerbe, Aytisch genannt,
statt, bei denen die Aykine miteinander wetteiferten, wer den
witzigstes Vers erfinden konnte.
Die Akyne überlieferten mündlich
Geschichten, Mythen und die Philosophie der Nomaden Zentralasiens, eine
Kultur ohne schriftliche Zeugnisse. Die Akyne waren oft auch
improvisierte Geistliche, die Verslieder zu politischen und moralischen
Problemen des Tages erzählten und die Gesetzesbücher
der Staatschefs umformulierten. Daher spielen die mündlich
überlieferten Traditionen eine wichtige Rolle beim Erhalt der
nomadischen Kultur Kirgisiens. Die Sprache wurde in schriftliche Form
erst im 20. Jh. kodifiziert. Man sagt, dass sogar in der Sowjetunion
den Akynen grosse Aufmerksamkeit geschenkt wurde, so dass auch die
Kommunisten von ihnen profitierten und sie für die Verbreitung
der Parteipropaganda anheuerten. Akyne sangen oft Lieder über
Lenin, die Revolution und die Leistungen der Partei.
Der größte Akyn des 20.
Jhs. war Toktogul, dessen Portrait den 100 Sum Schein ziert. Auch er
war Sieger bei den Aytisch. Einige seiner Improvisationen brachten ihn
in Schwierigkeiten mit den "manap", d.h. Oberstammesleitern, und sie
schickten ihn nach Sibirien ins Exil. Nach der Bolschewikenrevolution
schrieb er Gedichte über Lenin, der unter Kirgisen
häufig als Person mit demokratischen Ideen gesehen wird.
Man sagt, dass nach dem Zusammenbruch der
Sowjetunion nur vier Akyne im Lande geblieben sind. Heute jedoch lebt
diese Kunstform wieder auf: Man hat eine Stiftung gegründet,
und Akynschulen eröffnet um so die alte Kunst und das
Manasepos wieder ins Bewusstsein zu rufen. Das Manasepos ist nur eine
der kirgisischen Sagen. Ihre Bedeutung beruht darauf, das es als
längstes Epos der Welt gitl und damit sogar länger
ist als die Illias oder Odyssee von Homer. Das Epos erinnert an die
bemerkenswerten Heldentaten Manaschis, einem Akin, der sich auf die
Nacherzählung der Geschichte Manas spezialisiert hatte. Er
erzählt aus seinen Erinnerungen und symbolisiert die nationale
Identität der Kirgisen.
Der Held (Manas), sein Sohn (Semetei) und sein
Enkel (Seitek) kämpfen für die Vereinigung der
Kirgisen und überwältigen die Feinde, befreien sie
aus der Unterwerfung und führen sie zu einem Leben im
Wohlstand in ihrer Heimat.
Zusätzlich zum Manasepos gibt es noch
einige kleinere Epen und eine große Vielfalt an Legenden.
Einige Volkserzählungen stehen in engem Zusammenhang mit den
Orten von denen sie erzählen, andere mit Geschehnissen,
Naturerscheinungen oder Erzählungen über Tiere. Es
gibt auch moralische Erzählungen nach Art der
Märchen: Sie beschreiben reiche und dumme Khane, brave
Jäger, arme Bauern und Schafhirten oder schöne und
brave Frauen, die gute Ratschläge geben. Am Ende der
Erzählungen sind die arme und klugen Menschen die Besten. Eine
Reihe dieser Erzählungen handelt von dem weisen Mann Asankayga
und seinem klugen Sohn Aldar Kose.
Die meisten Geschichten beschäftigen sich
mit dem Alltagsleben und stellen die Ereignisse in einer gut bekannten
Umgebung dar. Einige davon propagieren allgemeine Werte und Wahrheiten,
andere hingegen orientieren sich an Redewendungen und
Sprichwörtern im typischen kirgisischen Stil:
„billiges Hammelfleisch hat kein Fett” oder
„Pferde sind die Flügel der Menschen”.
Viele Kirgisen können
Musikinstrumenten spielen: besonders häufig Komuz, einer
dreiseitigen Mandoline ähnlich, die fast zu allen
Gelegenheiten ausgewählt und gespielt wird. Sie beherrschen
ein großes Repertoire an Balladen, Liebesliedern,
Arbeitsliedern und Schlafliedern. Auch diese Lieder wurden als
nationale Kultur und traditionelle Volkskunst der nächsten
Generation weitergegeben.
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